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Schuberts Opernfragment „Die Bürgschaft“

Datum: 06.11.2015

Kurzbeschreibung: Oper feiert faszinierende Premiere in der JVA Adelsheim

Franz Schubert schrieb 1816 im Alter von 19 Jahren die Oper „Die Bürgschaft“ nach der gleichnamigen Ballade von Friedrich Schiller. Das Werk ist als Fragment von 15 vollendeten und einer unvollendeten Nummer erhalten. Es wurde bisher erst zweimal, 1908 in Wien konzertant und an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena im Rahmen des Schiller-Jahres 2005 szenisch aufgeführt. Mit dem Libretto von Paula Fünfeck und in der Konzeption/ Neufassung von Anna Sophie Brüning und Paula Fünfeck kommt „Die Bürgschaft“ nun zum dritten Mal zur Aufführung, und das in einer ganz ungewöhnlichen Art. Die Erarbeitung fand nämlich im Rahmen des Projekts „Apollo 18! – Musiktheater im Jugendknast“ statt. Bereits seit einigen Jahren pflegen Anna Sophie Brüning und Paula Fünfeck unter diesem Motto eine einzigartige Verbindung zwischen klassischer „Hochkultur“ und jungen Menschen, die mit den gesellschaftlichen Spielregeln in Konflikt geraten sind und nun für eine Zeit hinter hohen Mauern weggeschlossen werden.

Junge Musiker des Landesjugendorchesters Baden-Württemberg und der Musikschule Mockmühl sind zu Besuch in der JVA Adelsheim und erlernen, erleben und erarbeiten gemeinsam mit den jungen Gefangenen Musiktheater auf ungewöhnliche Weise. Für die Strafgefangenen stellt die Teilnahme an einer Opernproduktion eine große Herausforderung dar, gefordert ist ein hohes Maß an Disziplin, Pünktlichkeit, Teamarbeit, Gefühl und Sensibilität. Anna Sophie Brüning nennt die Teilnahme der jungen Leute am Projekt einen „kulturellen Bungeesprung“.

Worum geht es in Schuberts „Bürgschaft“? In einer Diktatur überreden Verschwörer Damon (Simon Stricker) zu einem Attentat auf den Diktator, König Dionysios (Christopher X), das allerdings misslingt. Damon wird zum Tode verurteilt, kann aber beim König einen dreitägigen Aufschub erwirken, um seine Schwester Anna durch Heirat zu versorgen. Damons Freund Kostas (Jongwook Jeon) stellt sich als Geisel zur Verfügung: im Falle einer verspäteten Rückkehr wird die Geisel stellvertretend für den Schuldigen getötet, dem Attentäter jedoch die Freiheit geschenkt. Nach einigen Verwicklungen gelingt Damon die Rückkehr in letzter Sekunde, er verlangt hingerichtet zu werden, König Dionysios ist durch die Tiefe der Freundschaft zwischen Damon und Kostas so ergriffen, dass er von der Hinrichtung ablässt und um Aufnahme in ihren Freundschaftsbund bittet. In der Hinrichtungsszene bricht Schuberts Oper ab und lässt Fragen und Möglichkeiten offen. In der Fassung von Fünfeck/Brüning endet das Stück mit einem Diskurs über die Zulässigkeit einer aller Tagesaktualität spottenden Hoffnung auf das sogenannte Gute im Menschen, in den sich auch die Bürger der Zukunft in Gestalt der ungeborenen Kinder einschalten. Auch wenn alles gegen die Utopie spricht, ist es doch möglich, sich selber zu einer Utopie zu machen und damit Wirklichkeit zu schaffen.

Obwohl der Inhalt von der heutigen Realität weit entrückt erscheint, gelingt es dem Libretto von Paula Fünfeck die Geschichte in einer Sprache zu erzählen, die Bezüge zum Leben aller an der Produktion Beteiligten und der Zuschauer herzustellen vermag. Für die Vor-Premiere am vergangenen Freitag war die Turnhalle der JVA zum Theaterraum umgestaltet. Mit einfachen, aber sorgfältig ausgewählten Mitteln gelang es, ein Bühnenbild herzustellen, dass die die Turnhalle zum perfekten Spielraum erscheinen ließ, und in das geschickt Videos, für die Louis von Adelsheim und Klaus Kühnel verantwortlich zeichneten, integriert waren. Gleich zu Beginn sprintete Anna Sophie Brüning quer durch die Halle zu ihrem Dirigentenpult, konterkarierte damit den üblichen zeremoniell-erhabenen Auftritt von Dirigenten, ließ aber damit schon erahnen, dass sie das professionell agierende Landesjugendorchester schwungvoll, rhythmisch präzise und mitreißend durch Schuberts Musik führen würde. Mit Simon Stricker, dem Bariton von der Oper Stuttgart, der Sopranistin Lisa Böhm aus Stuttgart und Jongwook Jeon, der aktuell am Theater Heilbronn in Cosi fan Tutte zu sehen ist, waren Solisten im Alter von Mitte Zwanzig am Werk, die der Produktion mit ihrer exzellenten stimmlichen und schauspielerischen Qualität Glaubwürdigkeit und Struktur gaben. Ihnen stand Christopher X aus der JVA in der Rolle von König Dionysios nicht nach. Gesanglich natürlich nicht in gleicher Weise ausgebildet, gelang es ihm, mit roher und gleichzeitig klarer Stimme und schauspielerischem Talent vollkommen gleichwertig neben den „Profis“ auf der Bühne zu bestehen und seine Rolle spannend und nachvollziehbar zu gestalten. Dass er auch noch die Rolle des Philostratus übernahm und belebte macht seine Leistung doppelt bemerkenswert.

Der Chor, der vom Jugendchor der Musikschule Mockmühl unter Regine Böhm und musikalisch interessierten und experimentierfreudigen Gefangenen gemeinsam gebildet wurde, gab der Inszenierung mit kraftvollem präzisem Klang zusätzliche Power, nicht nur musikalisch, sondern auch tänzerisch.
Vollkommen zu Recht gab es am Ende nach gut zwei Stunden Standing Ovations für alle, die diese ungewöhnliche, hochinteressante und mitreißende Opernproduktion möglich gemacht haben. Sehr unterschiedliche Lebenswelten sind sich in dieser Arbeit begegnet, und es spricht viel dafür, dass auf allen Seiten wichtige Erfahrungen gemacht worden sind und die Hoffnung von Anna Sophie Brüning und Paula Fünfeck, „zu emotionalen Kehrtwenden und Aufbrüchen anzuregen“ sich realisiert. „Für die einen ist das Beste gerade gut genug. Für die anderen erst recht.“


Am kommenden Wochenende gibt es noch zweimal die Gelegenheit, diesem besonderen künstlerischen Erlebnis beizuwohnen. Dann nicht hinter den Mauern der JVA Adelsheim, sondern am Samstag, den 14. November 2015 um 18.00 Uhr in der Jagsttal-Halle in Mockmühl, und am Sonntag, den 15. November 2015 um 17.00 Uhr im Theater Baden-Baden.

 Die Bürgschaft

Harald Kielmann, Mosbach 09.11.2015

Weitere Informationen finden Sie unter folgenden Links:

Pressebericht I

Pressebericht II

Video youtube

 

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